macintosh.world | Log In | Register
Today | News | Books | Recipes | Notes | YouTube | QuickTake
Translate | Wiki | Browse | Maps | Reference | Reddit | About

Search Books

Adventure | Science Fiction | Ghost stories | Poetry | Children | History

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren

Open Original Text

The Project Gutenberg eBook of Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren
 
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren

Author: Agnes Sapper

Illustrator: F. Gubitz

 
Release date: January 22, 2022 [eBook #67217]

Language: German

Original publication: Germany: Verlag von D. Gundert, 1916

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/67217

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GRETCHEN REINWALDS LETZTES SCHULJAHR: EINE ERZÄHLUNG FÜR MÄDCHEN VON 13-16 JAHREN ***

[Illustration: Gretchen Reinwald gibt der kleinen Ruth Holland
französische Nachhilfstunde.]

 Gretchen Reinwalds
 letztes Schuljahr.

 Eine Erzählung
 für Mädchen von 13-16 Jahren.

 Von
 Agnes Sapper.

 Dritte Auflage.

 Stuttgart.
 Verlag von D. Gundert.

 Druck der Stuttgarter Vereinsbuchdruckerei.

 Erstes Kapitel.
 Der erste Schultag.

„Heute beginnt also dein letztes Schuljahr?" fragte Herr Reinwald seine
Tochter, die eben zum Ausgang gerichtet ins Zimmer trat.

„Ja, aber erst um neun Uhr," antwortete Gretchen und setzte sich noch
einmal zu den Eltern an den Frühstückstisch. „Ich bin eigentlich viel zu
früh daran!"

„Du siehst ja ganz anders aus, als sich's für ein Schulmädel gehört,
hast keine Schürze an, keine Tafel in der Hand und gehst in einem
Schleppkleid!"

Gretchen und ihre Mutter lachten. „Das lange Kleid ist dir noch
ungewohnt an unserem Kind," sagte Frau Reinwald, „sie ist nun eben kein
‚Schulmädel' mehr, sondern eine Fortbildungsschülerin." „Ja, Vater, du
mußt auch ein wenig Respekt haben vor mir, ich bin fast schon so groß
wie die Mutter; bitte, Mutter, steh einmal auf, der Vater glaubt es
sonst nicht."

Da standen sie nebeneinander, die Mutter zart und schmächtig, mit
schlichtem, braunem Haar, die Tochter rosig und blühend, mit blonden,
hoch aufgesteckten Zöpfen; und es war schwer zu sagen, welche von beiden
größer war. Aber Herr Reinwald besann sich nicht. „Das beruht alles auf
Täuschung," sagte er, „deine Zöpfe sind nur so prahlerisch aufgebaut.
Die Mutter ist doch größer, und sie bleibt's auch." Da lachte Gretchen
und rief: „Ich weiß schon, wie du's meinst, Vater. Die Mutter bleibt
freilich größer," und mit stürmischer Zärtlichkeit umarmte sie die
Mutter. Herr Reinwald verabschiedete sich nun, um seinem Beruf
nachzugehen, und auch Gretchen machte sich fertig.

„Rufe im Vorbeigehen Lene, daß sie das Frühstück abräume," sagte Frau
Reinwald.

„Lene? Ja, wenn nur unsre gute Lene noch draußen wäre!" antwortete
Gretchen; „ich mag gar nicht mehr in die Küche, seitdem so ein fremdes
Wesen darin haust!"

„Ich glaube es wohl, daß dir deine Lene fehlt, die bei uns war, solang
du zurückdenken kannst; aber Franziska scheint mir auch ein tüchtiges
Mädchen zu sein."

„Ich schicke sie dir herein," sagte Gretchen, „und jetzt leb wohl,
Mutter."

„Viel Glück zum letzten Schuljahr!"

„Danke, ich bin furchtbar neugierig, wie es in der Oberklasse wird!"

Eilig ging nun Gretchen in den kühlen Herbstmorgen hinaus, der Schule
zu. Ihr Weg führte sie durch lange, belebte Straßen. Schon seit ihrem
ersten Schuljahr, in dem Herr Reinwald als Regierungsrat in die Residenz
versetzt worden war, besuchte Gretchen das Institut von Fräulein von
Zimmern. Von Klasse zu Klasse war sie aufgestiegen, und nun stand sie
vor der letzten. Die schöne Feier der Konfirmation lag eben hinter ihr,
Herz und Sinn des jungen Mädchens waren noch bewegt von den tiefen
Eindrücken dieser Zeit; heute aber, auf dem gewohnten Schulweg, überkam
sie das Gefühl, daß nun alles wieder in das werktägliche Geleise
übergehe, und die festtäglichen Empfindungen wichen einer nüchternen
Stimmung.

Ähnlich ging es wohl auch ihren Altersgenossinnen. Manche derselben
waren schon im Frühjahr konfirmiert worden, die meisten aber, wie auch
Gretchen, erst im Herbst, und so wanderten sie heute zum ersten Male als
konfirmierte Mädchen wieder dem Institut von Fräulein von Zimmern zu.
Sie begrüßten sich als alte Kamerädinnen, freundschaftlicher oder
kühler, je nachdem sie einander näher oder ferner standen; aber _ein_
Paar fand sich mit besonderer Herzlichkeit zusammen und stand Seite an
Seite, als könnte es gar nicht anders sein: das war Gretchen Reinwald
und Hermine Braun, zwei Freundinnen, die seit dem ersten Schuljahr treu
zusammen gehalten hatten und von den andern fast wie Schwestern
angesehen wurden. Doch waren sie einander äußerlich nicht ähnlich.
Hermine war kleiner als Gretchen, hatte ein schmales, blasses
Gesichtchen, aber eines, das man gern ansah, denn es sprach eine große
Herzensgüte aus den sanften Zügen. Mit den beiden zugleich trat Ottilie
von Lilienkron in das Schulhaus, und die drei gingen im untern Stockwerk
des Hauses auf eine Zimmertüre zu, die die Aufschrift „Oberklasse" trug.

Als sie eintraten, fanden sie schon mehrere Mädchen versammelt. Eine
derselben bemühte sich eben, einen Kleiderrechen, der sich von der Wand
losgemacht hatte, wieder zu befestigen. Es war Elise Schönlein, eine
wenig begabte Schülerin. Ottilie redete sie spöttisch an: „Ist das deine
erste Leistung in der Oberklasse, daß du den Kleiderrechen von der Wand
reißst?"

„Ich kann nichts dafür, das alte Ding hält nicht mehr, der Nagel fällt
aus dem Loch. Helft mir doch!" Hermine Braun kam zu Hilfe. Der
Federkasten mußte als Hammer dienen, der Nagel wurde wieder eingeklopft.
„So, jetzt hält es notdürftig," sagte Hermine befriedigt.

„Ja," entgegnete Ottilie, „für einen Tag vielleicht, dann fällt's wieder
herunter. Dies Zimmer ist überhaupt das unschönste Schulzimmer von
allen, die wir noch gehabt haben."

„Ja, und so kalt, man hätte schon ein wenig einheizen können." Die
Neueintretenden stimmten mit ein in diese Klagen, und die ganze junge
Gesellschaft war ziemlich mißvergnügter Laune, als sie sich auf den
alten Schulbänken niederließen und in dem etwas dunkeln, kühlen
Parterrezimmer auf den Anbruch des letzten Schuljahrs warteten.

Es hatte schon neun Uhr geschlagen, und die Mädchen, fünfzehn an der
Zahl, waren alle versammelt, als die Türe aufging. In sicherer Erwartung
ihrer Lehrerin wollten die Mädchen aufstehen. Gretchen, die immer etwas
flinker als andere in ihren Bewegungen war, hatte sich respektvoll
erhoben, aber unter der Türe erschien, statt der erwarteten Lehrerin,
nur ein niedliches, kleines Mädchen,

Next